Skip to main content

Jenseits von Instagram

|   xNews Text first

Franz&Sue Interview H.O.M.E. April 2019


Berlin Style oder Retro Chic? Weder noch! Franz&Sue sind Verfechter von „echter“ Architektur und arbeiten nicht nur für den Instagram-tauglichen Hero-Shot. Michael Anhammer und Erwin Stättner über Massengeschmack, Aha-Erlebnisse und aufrechte Begegnungen.

 

Auf Ihrer Webseite wird Ihr Büroname liebevoll personifiziert und mit Reimen gearbeitet. Sind Franz&Sue wirklich so liebenswürdig?

Michael Anhammer: Ja, sind wir! Aber wir sind authentisch liebenswürdig. Gemocht wollen wir werden, aber das heißt nicht, dass wir uns immer wohlfeil verhalten, keine eigene Meinung haben oder jemandem nach dem Mund sprechen. Gegenseitige Wertschätzung und ein Gegenüber auf Augenhöhe sind für uns wichtig.

Erwin Stättner: Das alte Sprichwort „Behandle dein Gegenüber wie du selbst gerne behandelt werden möchtest“ leben wir. Das Schöne an unserem Beruf ist ja auch mit so vielen unterschiedlichen Menschen zusammenarbeiten zu können, die alle ihre eigene Persönlichkeit haben.

Man kann aber nicht mit jedem Freund sein.

MA: Nein, das muss man auch nicht. Aber als ich das erste Mal als junger Architekt auf der Baustelle war, war ich Teil einer Szene, die mir nicht gefallen hat. Der Auftraggeber hat einen Arbeiter holen lassen, um wo hineinzugreifen, wo er selbst nicht hineingreifen wollte. Das fand ich erniedrigend, entwürdigend für den Arbeiter und charakterlos von diesem Auftraggeber. Mir war klar, dass ich so niemals mit jemandem umgehen werde. Es ist wichtig in einem Berufsfeld nicht zynisch zu werden und die aufrechte Begegnung zu pflegen.

Wie halten Sie das mit Ihrem Team?

ES: Wir versuchen den Boden für eine gute Stimmung untereinander zu schaffen. Wir fünf Gründungsmitglieder sitzen mitten im Team und bekommen so immer mit, was unsere Mitarbeiter beschäftigt und können unmittelbar am Austausch teilhaben. Wir haben jeden Tag ein gemeinsames Mittagessen und da versuchen wir nicht über den Job zu sprechen.

MA: Bei der Arbeit zählt die beste Idee, egal von wem sie kommt. Wir haben da nicht das große Ego. Und am Mittagstisch haben wir begeisterte Fußballfans und Opernfans. Beides hat bei uns seinen Platz.

Zu welcher Fraktion zählen Sie?

ES: Ich bin klar der Fußballer. In erster Linie aber wegen meiner Kinder.

AM: Ich zähle zur Opernfraktion. Diese Tradition des Mittagsessens hat „Franz“ in die Partnerschaft mitgebracht. Für sie hat immer eine Köchin zu Mittag gekocht. Eine Köchin schafft das bei unserer Teamgröße leider nicht mehr, aber jetzt in unserem neuen Büro haben wir einen professionellen Mittagstisch eingeplant. Mit einem Essen, das uns schmeckt.

Sie sind seit kurzem in dem von Ihnen geplanten Quartiershaus im Sonnwendviertel. Wie entstand die Idee zu einem Bürogebäude im Wohnbezirk und das gemeinsam mit anderen Büros?

ES: Die Idee ist im „fight club“ entstanden, einem Diskussionsformat unter Architekten, in dem eigene Projekte besprochen werden. Das gibt es seit zehn Jahren und irgendwann entstand der Gedanke gemeinsam etwas zu realisieren. So war die Idee zum Bürogebäude geboren. Wir wollten es für uns selbst bauen.

AM: Das Problem war ein Grundstück in Wien zu finden. Das ist gar nicht leicht! Da kam der Wettbewerb im Sonnwendviertel auf uns zu, den wir gewinnen konnten.

Ein Wettbewerb mit Grundstück?

AM: Ja. Wir sind mit der Idee angetreten in einem Wohnbezirk arbeiten und den Bewohnern auch noch etwas geben zu können. Das ist unsere Kantine, die für alle zugänglich ist. Der Gedanke der Kooperation ist einer, der unsere Generation überhaupt beschäftigt. Schon während unserem Studium war mir klar, dass es immer auch jemand anderen geben wird, der gute Sachen macht. Der einzig Geniale zu sein, konnte man ausschließen. Wenn man sich aber zusammenschließt, dann kann man etwas denken, was man alleine nicht erreicht. So wie bei unserem Quartiershaus.

War das bereits Ihr größtes Learning?

ES: Meines nicht. Das hatte ich bei der Arbeit an unserem Bürogebäude. Wir waren Auftraggeber und Architekten in einem und da habe ich festgestellt, Auftraggeber zu sein, ist gar nicht leicht.

Welches Aha-Erlebnis hatten Sie da?

ES: Das es wirklich schwierig ist Dinge zu entscheiden.

AM: Und dass für andere zu entscheiden wesentlich einfacher ist.

Sie sagen, Sie wollen gegen den Mainstream denken. Was macht der Mainstream heutzutage und wie unterscheiden Sie sich davon?

MA: Fast alle sind in den sozialen Medien und in dieser Welt ist das Bild enorm wichtig. Wir machen aber keine Projekte für ihre Instagram-Tauglichkeit und arbeiten auf das eine Bild dafür hin. Was wir anbieten ist eine nachhaltige Architektur, die viele Jahrzehnte funktionieren soll. Wir stellen uns nicht die Frage „Berlin Style oder Retro Chic“. Das sind Lifestyle-Fragen. Wir fragen uns, wie Begegnungen funktionieren können, wie jemand würdig eine Wartesituation erleben kann oder wie Zusammenleben gestaltet sein muss? Und die Antworten werden mit echten Materialien verbaut. Schaubuden Architektur interessiert uns nicht.

ES: Wir wollen damit aber nicht sagen, dass wir uns Trends verschließen. Gewisse Themen liegen einfach in der Luft und werden von vielen aufgegriffen.

Aber es muss länger standhalten als eine Instagram-Story.

MA: Genau. Wir wollen der Gesellschaft Antworten vorschlagen, die fünfzig Jahre haltbar sind. Das darf nicht lifestylig, sondern muss ernsthaft sein. Design ist wichtig, aber nicht nur um des Designs Willen.

ES: Ich traue mich zu sagen, dass unser Design entsteht, weil wir eine bestimmte Haltung haben. Eine gesellschafts- und sozialpolitische Haltung sind uns überhaupt wichtig.

Was beschäftigt Sie da im Moment?

ES: Mich beschäftigt das Thema Angst. Das durchdringt mittlerweile fast jeden Bereich. Gefühlt gibt es jeden Tag mehr Normen und Gesetze und die Unsicherheit darüber führt zur Angst. Deswegen sind in Projekte immer mehr Anwälte und Projektsteuerer involviert und als Architekt wird man oft als Gegner behandelt. Dabei sind wir doch die Freunde des Auftraggebers und wollen ihn nach bestem Wissen und Gewissen beraten.

MA: Es gibt Projekte, die werden bevor sie fertig werden zweimal verkauft. Da gibt es keinen Investor mehr, der sich für das Projekt an sich einsetzt und für Qualität Verantwortung übernimmt. Das empfinde ich beruflich als frustrierend und menschlich ziemlich traurig. Wenigstens im sozialen Wohnbau ist die langfristige Verantwortung des Bauträgers gegenüber dem Projekt noch da.

Welchen Beitrag versuchen Sie dagegen zu leisten?

ES: Wir überlegen immer, was wir tun können, damit das Vertrauen in uns gestärkt ist und unsere Auftraggeber sich gut bei uns aufgehoben fühlen.

MA: In einem Bauprozess gibt es immer wieder gute und schlechte Phasen und wenn in einer schlechten Phase das gegenseitige Vertrauen nicht da ist, dann verlieren beide Seiten. Das darf nicht passieren. Sonst wollen wir einfach so arbeiten, dass wir auch noch die nächsten zwanzig Jahre Spaß an unserem Beruf haben.

ES: Und man nicht weiß, ob man lieber zu Hause oder im Büro ist, weil es überall so gut ist. Das gilt auch für unser feines Team, das wir am liebsten bis zur Pension behalten wollen.